Umweltpolitische und Rechtliche Grundlagen

Die Umweltgesamtrechnungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wichtigen Instrument der europäischen Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitspolitik entwickelt. Ihre kontinuierliche Weiterentwicklung trägt dem steigenden Bedarf an belastbaren Informationen für die Gestaltung, Umsetzung und Evaluierung umweltpolitischer Maßnahmen Rechnung.

Auf europäischer und internationaler Ebene bilden politische Strategien, rechtliche Vorgaben und statistische Standards den Rahmen für die Erstellung und Nutzung von Umweltgesamtrechnungen. Sie unterstützen insbesondere die Umsetzung des Europäischen Green Deals, des achten Umweltaktionsprogramms der Europäischen Union sowie weiterer Initiativen in den Bereichen Klimaschutz, Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und Biodiversitätsschutz.

Die nachfolgenden Abschnitte geben einen Überblick über die wesentlichen politischen, rechtlichen und institutionellen Grundlagen der Umweltgesamtrechnungen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene.

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Politischer Hintergrund

In Österreich wurde die Weiterentwicklung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen um Umweltaspekte bereits 1996 durch eine Entschließung des Nationalrats unterstützt. Im selben Jahr vereinbarten Eurostat und die statistischen Ämter der Mitgliedstaaten die schrittweise Entwicklung von Umweltgesamtrechnungen.

Einen wichtigen Impuls auf europäischer Ebene setzte die Mitteilung der Europäischen Kommission „GDP and Beyond“ aus dem Jahr 2009. Darin wurde die Notwendigkeit hervorgehoben, die Messung gesellschaftlicher Entwicklungen durch Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte zu ergänzen.

Europäischer Rechtsrahmen

Die rechtliche Grundlage der europäischen Umweltgesamtrechnungen bildet die Verordnung (EU) Nr. 691/2011 über europäische umweltökonomische Gesamtrechnungen. Ziel der Verordnung ist die Bereitstellung harmonisierter Daten, die ökologische und ökonomische Informationen miteinander verknüpfen und dadurch die Grundlage für evidenzbasierte politische Entscheidungen schaffen.

Die Verordnung umfasste zunächst drei Module:

  • Luftemissionsrechnungen
  • Umweltbezogene Steuern
  • Materialflussrechnungen

Mit der Verordnung (EU) Nr. 538/2014 wurde der Anwendungsbereich um folgende Module erweitert:

  • Umweltschutzausgaben
  • Umweltgüter- und Umweltdienstleistungssektor (EGSS)
  • Physische Energieflussrechnungen (PEFA)

Der Anwendungsbereich der europäischen Umweltgesamtrechnungen wurde in weiterer Folge erweitert und an neue europäische Prioritäten in den Bereichen Klima, Biodiversität und nachhaltige Ressourcennutzung angepasst. Ergänzende Rechtsakte erweiterten den Anwendungsbereich um:

  • Waldrechnungen
  • Ökosystemrechnungen
  • Umweltbezogene Subventionen und ähnliche Transfers

Dadurch werden insbesondere Themen wie Biodiversität, Naturkapital und die ökologische Transformation der Wirtschaft statistisch besser abgebildet.

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Europäischer Green Deal und Nachhaltigkeitspolitik

Die Umweltgesamtrechnungen bilden eine wesentliche Datengrundlage für die Umsetzung und Bewertung zentraler europäischer Politikinitiativen. Dazu zählen insbesondere:

  • der Europäische Green Deal,
  • das Europäische Klimagesetz,
  • die Biodiversitätsstrategie der Europäischen Union,
  • der Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft sowie
  • das achte Umweltaktionsprogramm der EU.

Durch die Verknüpfung wirtschaftlicher und umweltbezogener Daten ermöglichen Umweltgesamtrechnungen die Beobachtung von Fortschritten bei der Dekarbonisierung, der Ressourceneffizienz und der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen.

Darüber hinaus unterstützen sie die Fortschrittsmessung im Rahmen der Agenda 2030 und der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs).

Internationale Grundlagen

Auf internationaler Ebene bilden die Umweltgesamtrechnungen einen Bestandteil des von den Vereinten Nationen entwickelten Systems der umweltökonomischen Gesamtrechnungen (SEEA – System of Environmental-Economic Accounting).

Mit dem SEEA Central Framework wurde erstmals ein internationaler statistischer Standard geschaffen, der Umwelt- und Wirtschaftsdaten innerhalb eines gemeinsamen Rechnungsrahmens zusammenführt.

Ergänzend wurde das SEEA Ecosystem Accounting entwickelt. Dieses ermöglicht die Erfassung von Ökosystemen, ihrem Zustand sowie den von ihnen bereitgestellten Ökosystemleistungen. Damit werden Biodiversität und Naturkapital statistisch erfassbar.

SEEA bildet heute den international anerkannten Referenzrahmen für die Erstellung von Umweltgesamtrechnungen.

Internationale Initiativen

Die Weiterentwicklung der Umweltgesamtrechnungen steht in engem Zusammenhang mit internationalen Initiativen zur Messung nachhaltiger Entwicklung.

Besondere Bedeutung kommt dem Bericht der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission zu, der die Grenzen des Bruttoinlandsprodukts als alleinigen Wohlstandsindikator aufgezeigt hat. Die Empfehlungen der Kommission betonen die Notwendigkeit, Umwelt-, Sozial- und Nachhaltigkeitsaspekte stärker in die wirtschaftliche Berichterstattung einzubeziehen.

Auch die OECD fördert seit vielen Jahren die Verknüpfung von wirtschaftlichen und umweltbezogenen Informationen. Schwerpunkte bilden dabei Ressourceneffizienz, Materialflüsse und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen.

Umweltgesamtrechnungen leisten damit einen wichtigen Beitrag zu „Beyond-GDP“-Ansätzen, die gesellschaftlichen Fortschritt über wirtschaftliche Wachstumsindikatoren hinaus messen.

Weiterentwicklung und Zukunftsperspektiven

Die Weiterentwicklung der Umweltgesamtrechnungen erfolgt auf europäischer Ebene im Rahmen der Europäischen Strategie für Umweltgesamtrechnungen (ESEA). Schwerpunkte der kommenden Jahre sind die Verbesserung der Datenqualität, die stärkere Nutzung innovativer Datenquellen sowie die Weiterentwicklung von Indikatoren zur Bewertung nachhaltiger Entwicklung.

Um den wachsenden Informationsbedarf im Zusammenhang mit dem Europäischen Green Deal, dem achten Umweltaktionsprogramm der Europäischen Union sowie der Biodiversitäts- und Kreislaufwirtschaftspolitik zu unterstützen, wird der Anwendungsbereich der Umweltgesamtrechnungen laufend erweitert. Besondere Bedeutung kommt dabei der Weiterentwicklung von Informationen zu Naturkapital, Biodiversität und den Umweltwirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten zu. Diese Erweiterungen stärken die Datengrundlage für die Beobachtung langfristiger Veränderungen von Naturkapital und natürlichen Ressourcen.

Die Weiterentwicklung der Umweltgesamtrechnungen wird auch durch Evaluierungen ihrer praktischen Nutzung unterstützt. Der Europäische Rechnungshof stellte in seinem Bericht aus dem Jahr 2019 fest, dass die strategische Ausrichtung, die politische Nutzbarkeit sowie die Aktualität der europäischen Umweltgesamtrechnungen weiter gestärkt werden sollten. Insbesondere wurde empfohlen, die Umweltgesamtrechnungen noch stärker an den Informationsbedürfnissen politischer Entscheidungsträger:innen auszurichten und ihre Nutzung in umwelt- und wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozessen weiter auszubauen.

Die seitdem erfolgten Erweiterungen des europäischen Rechtsrahmens sowie die zunehmende Einbindung der Umweltgesamtrechnungen in die europäische Nachhaltigkeits-, Klima- und Biodiversitätspolitik unterstreichen ihre wachsende Bedeutung als Grundlage für evidenzbasierte politische Entscheidungen. Vor dem Hintergrund der ökologischen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft werden Umweltgesamtrechnungen auch künftig eine zentrale Grundlage für die Bewertung von Umweltwirkungen, wirtschaftlichen Entwicklungen und politischen Maßnahmen bilden.

UNSD: System of Environmental and Economic Accounting Central Framework (SEEA 2012)

UNSD: SEEA Ecosystem Accounting (SEEA EA, international statistical standard, 2021)

UNSD: System of Environmental and Economic Accounting - Applications and Extensions

EU: Mitteilung der Kommission - Das BIP und mehr - Die Messung des Fortschritts in einer Welt im Wandel

EU: Verordnung (EU) Nr. 691/2011 über europäische umweltökonomische Gesamtrechnungen

EU: Bericht der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat über die Durchführung der Verordnung (EU) Nr. 691/2011 über europäische umweltökonomische Gesamtrechnungen (2022)

EU: Verordnung (EU) Nr. 538/2014 zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 691/2011 über europäische umweltökonomische Gesamtrechnungen

EU: Delegierte Verordnung (EU) 2022/125 der Kommission zur Änderung der Anhänge I bis V der Verordnung (EU) Nr. 691/2011

EU: Verordnung (EU) 2024/3024 zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 691/2011 in Bezug auf die Einführung neuer Module für die umweltökonomischen Gesamtrechnungen

EU: Der europäische Grüne Deal

EU: European Strategy for Environmental Accounts 2024-2028

EU: 8. Umweltaktionsprogramm

EU: Mitteilung über den Überwachungsrahmen des 8. Umweltaktionsprogramms

Stiglitz-Sen-Fitoussi Report: Measurement of Economic Performance and Social Progress

Europäischer Rechnungshof: Sonderbericht Nr. 16/2019: Europäische umweltökonomische Gesamtrechnungen - Nutzen für politische Entscheidungsträger kann verbessert werden

Statistik Austria: Umweltgesamtrechnungen